Donnerstag, 10. Dezember 2015

Besinnungszeit - Wenn der Sinn zur Krise wird



Sinnkrisen sind Zeiten für die Badewanne. Blöd nur, wenn man keine hat. 


Ich schaue von meinem Traubensaft auf, den ich immer aus Rotweingläsern trinke. Irgendwie fühlt sich das nach dem Besten aus zwei Welten an. Gott, hätte ich jetzt gerne eine Badewanne. Ich nehme meine Jacke und mache mich auf den Weg in die Stadt. Es ist bereits dunkel geworden. Über der Fußgängerzone und in ein paar Fenstern hängt warm-gelbe Weihnachtsbeleuchtung. Jedes Jahr aufs Neue erinnert sie mich an Gefühle, die ich schon vor langem in meinem Herzen eingeschlossen habe. Ein Hauch von Sorglosigkeit, Geborgenheit, Sicherheit und Vorfreude. Natürlich wird das, was noch kommt, auf seine Art genauso wundervoll – trotzdem fällt es schwer, von vergangenen Dingen Abschied zu nehmen. Abschied tut immer weh. Im wahrsten Sinne des Wortes. 




Erwachsenwerden, so heißt es. Was ein Scheiß. Man wird geködert mit eigenen Autos, Wohnungen, Entscheidungsfreiheit, grenzenlosem Sex, Geld, Unabhängigkeit und spannenden Jobs. Es heißt, man übernimmt Verantwortung für sich und sein Handeln. Was verschwiegen wird, ist die Verantwortung für seine eigenen Gefühle. Für diese widerliche Einsamkeit, die sich manchmal einschleicht, auch wenn man unter Mensch ist. Die ätzende Unsicherheit, was richtig und was falsch ist, was man tun sollte, damit es ein Happy End gibt. Oder ist das nur eine Illusion? Bedeutet Happy End nicht nur, dass man am Ende das Beste aus seiner Situation macht? Hatte Disney etwa Unrecht? Schneewittchen musste sich sicher nie mit der Frage beschäftigen, wie viel Zeit man für Freunde, Sport, sich selbst, den Partner, die Arbeit, Ausbildung und Haustier investieren sollte. Klar macht jeder seine eigenen Regeln – aber wir orientieren uns alle an etwas, dass wir als angemessen ansehen und was uns vielleicht genau so beigebracht wurde. Jeden Tag kämpft man mit sich, um sich zwischen dem, der man sein möchte, und dem, der man ist zu finden. Oder der, von dem erwartet wird, dass man er ist? Und was, wenn man total abgedreht ist? Traubensaft aus Rotweingläsern trinkt und Kuscheltieren Namen, Persönlichkeiten und Stimmen verleiht? Es heißt, man soll zu sich stehen. Doch wie realistisch ist das? Wo soll das alles hinführen?
Ich überquere den großen Platz, auf dem ein Weihnachtsbaum behangen mit blauen Kugeln hängt. Ich wundere mich, dass die Stadt von der Norm abweicht und dekorationstechnisch mal etwas Neues zulässt. Wo ist meine Badewanne? 



An der nächsten Ecke ist ein Buchladen. Im Schaufenster steht Thriller neben Selbsthilfebuch, romantische Komödie neben heißem Erotikroman. Da steht auch ein Postkartenaufsteller. „Man kann keine neuen Kontinente entdecken, wenn man nicht bereit ist, alle Küsten aus den Augen zu verlieren.“ Toll. Ich frage mich, wie viel Haltlosigkeit man aushalten muss, um sich wieder neu zu finden. Sich wieder wie man selbst zu fühlen.
Ich beschließe, dass ich mir entschieden zu viele Gedanken mache. Auch dafür sind Badewannen gut: man kann den Kopf unter Wasser tunken und sich von der absoluten Ruhe umhüllen lassen. Oder sagt man dazu Freunde? Die Menschen, die dir sagen, wie sehr du gerade rumspinnst, oder es verstehen, weil sie es selbst durchgemacht haben. 


 


Ich mache mich auf den Weg zurück in meine Wohnung. Dieses kleine Zimmer, das als Übergang während der Studienzeit dient. Übergangszeiten können toll sein, weil du nicht weißt, wohin dich das alles führt. Dazu braucht es Mut und Sicherheit in sich selbst. Übergangszeiten können aber auch von Zweifeln und Ängstlichkeit geprägt sein. Ich denke, es darf ein Mix aus beidem sein. Eins ist klar: diese Zeiten sind unheimlich spannend. Und irgendwann wird man darauf zurückblicken, wenn man erst Rockstar, Astronaut oder Präsident geworden ist, und lächeln. Vielleicht auch lauthals loslachen. 
Zuhause angekommen, fülle ich mein Glas Rottraubensaft nach. Im Kühlschrank liegt noch eine Tafel Karamellschokolade. Ich nehme die Schokolade, den Saft und die kuschelige rote Decke von meinem Bett und setze mich in den Sessel. Es ist ein Lesesessel, in dem ich schon viele Reisen in fremde Welten unternommen habe. Es geht auch ohne Badewanne – aber Freundschaft, Liebe und Schokolade (na gut, und die Kuscheldecke) sind unverzichtbar auf dem Weg ins Morgen. 


Anmerkung: Die Fotos stammen aus einem Shooting mit dem begabten Fotografen "Les Fleurs du Mal". 

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