Donnerstag, 9. Juli 2015

Traumreisen, Episode 1: Frankreich


Wer würde bei diesem Anblick nicht sentimental werden?


Frankreich spielt in der gleichen Kategorie wie Bayern. Man weiß, dass es existiert, aber eine Reise dorthin muss nicht sein. Außer es heißt: Hey, lass uns zwei Tage nach Frankreich ans Meer fahren! Da kommen die Urinstinkte der Frau durch, denn ein Sonnenuntergang am französischen Strand klingt fantastisch. Und Vermutungen muss man prüfen, nicht wahr? Also wird der Spontanität genüge getan, der Koffer gepackt (Fleece-Jacke oder Badeanzug? Argh!) und los geht der Mini-Roadtrip.
Im angenehm klimatisierten Auto soll es laut Navi knapp 5 Stunden durch Deutschland, Holland, Belgien und Frankreich gehen. Kaum zu glauben, dass man in so kurzer Zeit so viel sehen kann. Die deutsche Grenze wird schnell hinter sich gelassen. Berge werden flacher, Flaches wird weiter und das einzig Ärgerliche sind die seltsamen Kreisel und die sogenannten „Drempels“, ihres Zeichens Bodenerhöhungen zur natürlichen Geschwindigkeitsbegrenzung. Wir tangieren Brüssel, ärgern uns aufgrund der vergessenen Akustikgitarre und genießen den kühler werdenden Wind auf den gepflegten Raststätten unterwegs. Schließlich erreichen wir Calais, ein Hafenstädtchen im Norden Frankreichs. Mir fällt direkt ein Ducati-Motorradshop ins Auge. Wir kommen nicht drum herum, mal einen, zwei, drei Blicke hineinzuwerfen. Tolle Maschinen! Leider noch unbezahlbar. 


Oh lala
Nach einem Blick aufs Navi fällt die finale Entscheidung auf  Wissant, ein Ort ca. 10 Kilometer von Calais entfernt. Der Weg dorthin gestaltet sich schwierig, da die Beschilderung zur nächsten Tankstelle… fragwürdig… unzureichend… ach, einfach beschissen ist. Wenden, Drehen, noch mehr Staub auf unbefestigten Straßen, bis wir schließlich an einer einsam gelegenen Tankstelle in der freien Wildbahn halten können. Die Aussicht von dort erinnert an  französische Liebesschnulzen über Wein und Käse. Aber wir möchten an Meer! Und wir finden es auch. Sieg! Tanzet, ihr Narren, wir sind auf Wasser gestoßen! Nach einem kurzen Halt im Supermarkt des französischen Durchschnittsbürgers wird das kleine Örtchen Wissant unter die Lupe genommen. Gibt es Hotels? Wenn ja, wo? Wie stellen wir am besten den Wagen ab? Und kriegt man Samstagabends noch ein Zimmer mit Meerblick? Ja, überall, am besten auf einem Parkplatz, nein. Gut, damit lässt sich arbeiten. Unsere Wahl fällt auf ein kleines Familienunternehmen im Herzen von Wissant. Das Zimmer ist bezahlbar und reicht für eine Nacht. Holz, wohin das Auge blickt: Boden, Decke, Bett, Schrank – ich hätte gelacht, wenn die Dusche auch hölzern gewesen wäre. Es ist das perfekte Klischee-Zimmer für einen Wochenendausflug in ein französisches Dorf am Meer. 

Wenn der Himmel rosa ist, backen die Engel Plätzchen - oder so...
Wir schnappen uns direkt Decken, Wein und Sonnenbrillen und machen uns auf den 5-minütigen Fußweg zum Strand. Die schönste Aussicht und ein wenig Ruhe hat man von den Dünen aus. Doch Dünen wollen bestiegen werden (naheliegenden Witz hier einfügen). Nach viel Fluchen, Schnaufen und Sand in den Socken haben wir uns ein Plätzchen erkämpft und können nun alles genießen, was Mütterlein Natur bietet. Die Aussicht ist der Wahnsinn, und das Meeresrauschen wirkt angenehm beruhigend. Es ist kaum ein Wölkchen am Himmel, sodass sich die Sonne rot-golden nach und nach dem Horizont nähern kann. Der Anblick ist nicht nur fantastisch, sondern auch überwältigend. Ich gebe zu, das ein oder andere Tränchen vergossen zu haben.

Brügge Sehen - und Sterben
Mein Highlight an diesem Wochenende war das selbst erfundene und patentierte Dünen-Rodeln. Man nehme eine Decke, setze sich drauf und rutsche laut schreiend und wild gestikulierend die zuvor erklommene Düne hinunter. Herrlich. Schwimmen war bei Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad und kühlem Wind eher ungünstig. Also nur Gucken, nicht Anfassen. Nach einem rosafarbenen Sonnenuntergang geht es zurück ins Hotel. Die Abenteuer der Nacht sind mit denen des Tages nicht zu vergleichen. Werksfrisch räumen wir sonntags unseren Kram zusammen und machen uns noch einmal zum Strand auf. Ein letzter Blick, ein französischer Kaffee – und schon wird die Heimreise angetreten. Das war’s? Ha, von wegen! Auf dem Rückweg ist ein Zwischenstopp in Brügge drin. Brügge sehen und sterben? Irgendwas muss ja dran sein. Und ich bin sehr überrascht! Die Stadt macht ihrem Ruf alle Ehre. Ein Touristenmagnet mit Schokoladenlädchen, so weit das Auge reicht. Natürlich müssen wir von den belgischen Köstlichkeiten naschen. Einer der Kirchtürme erinnert an Mordor. Zufall?

Der kleine Umweg hat sich definitiv gelohnt. Ich kann Brügge jedem weiterempfehlen, der eine Schwäche für verschnörkelte Altstädtchen in Kleinstadtgröße hat. Und Schokolade.
Der Trip endet entspannt und ruhig mit einer lustigen Heimfahrt zurück durch Belgien, Holland (Drempels!) und Deutschland. Die Müdigkeit am Abend und kiloweise Sand in allen Klamotten ist es die Erfahrung definitiv wert.  
 

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