Donnerstag, 28. Mai 2015

Fast Food-Dating


„Elite-Partner – Für Akademiker und Singles mit Niveau.“ Egal wann man den Fernseher einschaltet, man wird um diesen Werbeslogan nicht herum kommen. Das Kind hat viele Namen: Parship, Elite Partner, Lovoo, Shop-a-Man, … Und es geht immer nur um das Eine. So schnell wie möglich den Menschen zu finden, der in seinem Leben noch fehlt. Man füllt einen Steckbrief aus, gibt Auskunft über Hobbys, Job, Finanzen, Urlaubsvorlieben und den Namen des Hundes. Mithilfe eines angeblich ausgeklügelten, komplizierten Logarithmus‘ ermittelt das System dann den potenziellen Partner fürs Leben. Vielleicht auch eine kleine Auswahl. Nun beginnt der spannende Teil: Man schreibt den- oder diejenige an, in der Hoffnung, man könne sich ja mal auf einen Kaffee oder mehr treffen und die Kompetenz des Systems überprüfen. Entweder es funkt dann – oder eben nicht. Dann geht das ganze Spielchen von vorne los.

Aber ist das wirklich schon alles? Steuern wir auf eine Gesellschaft von flirt-inkompetenter, Kaffee-fauler, Couch-vorziehender Liebesmuffel zu? Werden die großen Lieben dieser Zeit künftig über Parship geschlossen, wo sich nachweislich alle 11 Sekunden ein Single verliebt?
Ich möchte das nicht glauben. Ich boykottiere es!
Nennt mich träumerisch oder konservativ, aber ich glaube an scheue Blicke, zaghaftes Lächeln, die zögerliche Frage nach einer Tasse Kaffee oder einem Drink. Aber schauen wir uns doch zuerst einmal die Vorteile der Online-Partnersuche an, bevor ich sie in der Luft zerfetze.

Ein Artikel in der „Cosmopolitan“ betitelte die Suche nach dem Richtigen einmal als Vollzeitjob. Klar, dass berufstätige Menschen mit einer durchschnittlichen 40 Stunden Woche dafür keine Zeit aufwenden können. Parallel zu ihrem Berufsleben können sie in Online- Dating-Portalen quasi permanent die Augen offen halten. Ein kurzer Check am Morgen oder am Abend reicht. Weiterhin sehen viele Nutzer ihre zum Teil starke Schüchternheit nicht mehr als Problem an. Die Anonymität des Internets kommt ihnen entgegen. Studien beweisen zudem, dass man weniger Hemmungen hat, bei einem Kennenlernen im Netz persönliche Dinge über sich preiszugeben. Man lernt sich schneller kennen und kann so früher einschätzen, ob der andere zu einem passen könnte. Es ist ebenfalls möglich, seine eigenes Image etwas aufzupolieren, indem man seine Schokoladenseite betont: Tierliebe, der Ausbildungs- oder Uniabschluss, sein künstlerisches Talent, die Fotos von damals, als man noch 5 Kilo leichter war. Es ist nicht unehrlich, nur fixiert auf die positiven Seiten des Selbst.

Klingt doch alles super, oder? Jedoch hat jede Medaille zwei Seiten. Es kann unheimlich befreiend sein, dem anderen nicht direkt persönlich gegenüber zu sitzen. Jedoch kann man sich auch nie sicher sein, ob der andere denn wirklich der ist, der er zu sein verspricht. Vielleicht verschweigt er seine Spielschulden, die Frau und die 3 Kinder, oder sein Vorstrafenregister. Das sind zwar die schlimmsten Optionen, jedoch keineswegs ausgeschlossen. Die fehlende Nähe zum anderen, vor allem der verwehrte Blick ins Gesicht und in die Augen, machen es nicht möglich, den anderen einzuschätzen. Worte tippen kann jeder. Doch ein Blick in die Augen spricht manchmal mehr als tausend Worte. Klar dienen die Dating-Portale nur einer ersten Annäherung. Aber man bekommt nun mal keine zweite Chance für einen ersten Eindruck.  Und so sitzt man nach Feierabend und an den Wochenenden vor dem Bildschirm und checkt, was das Zeug hält. Der eine hat zu dunkle Haare, der andere zu helle. Der hat einen unpassenden Beruf, der andere wohnt in einer blöden Stadt. Menschen werden zu ihren Lebensumständen degradiert. Niemand kann per Steckbrief beurteilen, ob das Gegenüber witzig, klug, freundlich, herzlich, gütig, weise oder humorvoll ist. Entscheidende Dinge wie der Geruch, der Klang der Stimme und des Lachens werden ausgeblendet.
In der heutigen Zeit scheint es immer wichtiger zu werden, so schnell wie möglich das zu bekommen, was einem noch fehlt. Der Weg ist schon lange nicht mehr das Ziel. Skrupellos werden die vermeintlichen Lebensträume verfolgt. Ein guter Job, viel viel Geld, ein passender Partner, ein Häusschen im Grünen. Eine Affäre mit der Sekretärin, Geldprobleme, Krebs…?

Ich kann mit meinen 23 Jahren nicht beurteilen, wie es früher, in den „guten alten Zeiten“ war. Doch ich stelle mir vor, dass es entschleunigter, etwas entspannter war. Der Leistungsdruck war nicht so groß. Man durfte sich mehr Zeit einräumen, um sich selbst zu finden neben Ausbildung, Studium und Beruf. Und man konnte mit nur einem Job sich selbst und eventuell auch seine Familie ernähren. Unsere Gesellschaft, die immer mehr darauf ausgelegt ist, sich selbst zu optimieren und dies auch von seinen Mitgliedern verlangt, ist anstrengend geworden. Schlaganfälle mit 25 und Burnouts mit 28 sind keine Seltenheit mehr. Diese unschöne und sich immer steigernde Struktur schlägt sich auch im Dating-Verhalten nieder. Toleranz gegenüber den Schwächen des anderen? Warum auch, es gibt doch so viele andere, die passen könnten. Ich befürchte, in den Köpfen vieler hat es sich manifestiert, dass, egal für wen sie sich entscheiden, irgendwo doch noch jemand „Besseres“ für sie herumläuft. Im besten Fall mit Registrierung bei Parship. Durch die Möglichkeit, andere digital kennenzulernen, hat sich das klassische Balz-Verhalten in Kneipen und Diskos meiner Meinung nach verändert. Es ist weniger geworden. Die hübsche Blondine an der Bar wird nicht mehr angesprochen, sondern online auf Facebook und Co. gesucht. Verweichlichen wir? Wird die Angst vor Zurückweisung so groß, dass wir uns gar nicht mehr trauen, jemanden in freier Wildbahn anzusprechen und freundlich auf einen Kaffee einzuladen? Ich kann jetzt nur für mich sprechen, und meine Dates halten sich wahrlich in Grenzen. Aber ich würde mich immer darüber freuen, nett lächelnd abends in der Kneipe darauf aufmerksam gemacht zu werden, was für schöne Augen ich habe oder dass die Stiefel meinen Beinen schmeicheln. Und dann vielleicht auf ein Bier oder einen Kaffee am nächsten Wochenende eingeladen zu werden. Bin ich die letzte Verfechterin klassischer Dates? Mit Spaziergang in der Sonne und Berührungsängsten? Gut, vielleicht ist das auch in der Metal-Szene, in der ich verkehre, kein Brauchtum. Und trotzdem denke ich, dass sich in diesem Gefilde der böse dreinblickenden, langhaarigen Männer durch die Online-Verfügbarkeit etwas verändert hat. Vielleicht haben sie früher ihre Angebetete „aus Versehen“ mit Bier bekleckert, oder haben von ihren Motorradtouren erzählt. Vielleicht haben sie auch die E-Gitarre ausgepackt und für die Dame ihres Herzens die Saiten klingen lassen. Wenn ich heute in die Kneipe oder eine Bar gehe, beobachte ich Zurückhaltung und Ängstlichkeit. Was, wenn er/sie mich nicht mag? Wenn ich mir die Blöße gebe? Wie heißt es so schön: no risk, no fun. Und ich bezweifle, dass die meisten Frauen sowie Männer eiskalte, hochnäsige Menschen sind, die sich nach einem missglückten Flirtversuch vor Lachen auf dem Boden kringeln.

Klar, so etwas bliebe einem dank Elite-Partner und Co. erspart. Aber ist es das wert?

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