Donnerstag, 2. April 2015

Freiwilliges ökologisches Jahr – was ist denn das?



Das FSJ ist allseits bekannt, doch vom FÖJ haben die Wenigsten gehört. Dabei gibt es gerade beim
FÖJ sehr interessante Stellen, die einem einen wunderbaren Einblick ins Berufsleben geben können.

Das Freiwillige ökologische Jahr richtet sich an 16-27 Jährige, die vor dem Start in den „normalen Alltag“ einen Einblick ins Berufsleben wagen möchten. Dabei geht es bei den Einsatzstellen vor allem um umweltpolitische und ökologische Arbeitsthemen. Sowohl im Umweltamt, bei einer Naturschutzorganisation, einer Forschungseinrichtung oder auf einem Bauern- oder Reiterhof: Nur weils Öko ist, heißt es nicht, dass man nicht auch im Büro landen kann.






Welche Alternativen bieten sich nach der Schule an?


Allgemein gibt es:
Freiwillige Jahre (soziale, kulturelle, technische, ökologische, wer weiß was es da noch so alles gibt?)
Work and Travel (Arbeiten und Reisen im Ausland)
Bundesfreiwilligendienst (ist so ähnlich wie bei den freiwilligen Jahren, nur mit anderen Trägern)
weiterführende Schulen (Berufliches Gymnasium, Fachoberschule mit Jahrespraktikum, und tausend andere Schulformen)
Studium
Jahrespraktika (gerade im Bereich Pflege wird meist eines vor der Ausbildung vorausgesetzt)









Organisation

Ich habe mein FÖJ in Hessen gemacht. Da jedes Bundesland eigene Träger hat (meist sogar mehrere), läuft es überall unterschiedlich ab. Ich schildere euch hier meine Erfahrungen mit der Naturschutz-Akademie Hessen









Bewerbungsverfahren



Am 11.April 2015 findet eine Info und Kontaktbörse in Wetzlar statt. Dort sind alle Einsatzstellen mit Ansprechpartner und aktuellen FÖJlern vertreten. Man kann sich vorstellen, informieren und einen ersten Eindruck über die zukünftige potentielle Arbeitsstelle erhalten.
Dann fängt auch schon die Bewerbungszeit an. Die Bewerbung schickt man mit Angabe der drei favorisierten Einsatzstellen an die NAH. Diese leitet die Bewerbung an die gewünschten Einsatzstellen weiter, anhand der Ampel kann man sehen, welche noch frei sind und welche nicht. Wenn man keinen Erfolg hatte, kann man weitere Wünsche angeben. Bewerben kann man sich die ganze Zeit über, doch die Chancen auf einen FÖJ Platz sinken je näher der 1. September rückt (manche FÖJs fangen auch schon im August an).






Einsatzstellen

Die Einsatzbereiche reichen wie oben genannt von Landwirtschaft, Tierhaltung, Lebensmittel, Forst, Landschaftspflege, Garten, Umweltbildung, Pädagogik, Verwaltung, Planung, Öffentlichkeitsarbeit, Wissenschaft, Forschung und Technik. Gerade der Beruf Imker wird oft unterschätzt, doch er gehört zum landwirtschaftlichen Bereich und ist ein echter Knochenjob.





Was bringt mir ein FÖJ?

Ich habe mein freiwilliges Jahr auf einem Bauernhof verbracht. Dort wurde ich voll mit in die Arbeit eingebunden, mir ist viel Verantwortung übertragen worden und ich konnte mich sowohl persönlich, als auch fachlich weiterentwickeln. Man lernt eigene Wertvorstellungen zu überdenken, selbstständig zu arbeiten, team- und kommunikationsfähiger zu werden und auch verantwortungsvoller mit unserer Umwelt umzugehen. Obwohl ich jetzt in einer komplett anderen Branche gelandet bin, hat mir das FÖJ sehr viel gebracht. Es ist übrigens auch beim Bewerbungsgespräch sehr gut angekommen. Und während die anderen Azubis am Anfang gejammert haben, dass sie jetzt nachmittags nicht mehr frei haben, war ich froh, endlich mal wieder Wochenenden zur Verfügung zu haben.
Jedes Fitnessstudio ist nichts gegenüber Bio Building: Meine Oberarmmuskulatur hätte nach einem Jahr Bauernhof gefühlt jedem Body Builder Konkurrenz machen können.
Zu erwähnen wäre außerdem noch, dass man für das FÖJ Unterkunft und Verpflegung gestellt bekommt (oder eine Ausgleichszahlung) und ein kleines Taschengeld. Zusammen mit dem weiter gezahlten Kindergeld blieb genug zum Sparen übrig, zumindest bei mir. Das FÖJ wird übrigens auch als Praktikumsjahr für die Fachoberschule anerkannt.




Arbeitsalltag


Morgens ging der Tag um 7 Uhr los mit Kühe melken oder Tiere füttern. Da wir 2 FÖJler und ein Jahrespraktikant waren, haben wir uns mit den Tätigkeiten abgewechselt. Danach gab es ein ausgiebiges Frühstück, bei dem die weitere Tagesplanung besprochen wurde. Je länger man im Unternehmen involviert ist, desto mehr Dinge fallen einem selbst auf, was alles erledigt werden muss: Weide bauen, misten, Kartoffeln ernten oder sortieren, Wasserfässer fahren, Laufhof schieben, ein Sandbad für die Hühner bauen, Feldarbeiten, Pferdepaddocks pflastern, Wanddurchbrüche schaffen usw. Man lernt dort nicht nur auf einem Bauernhof zu arbeiten, sondern fürs Leben. Ich kann zumindest jetzt eine Einfahrt pflastern, weiß worauf man achten muss, wenn man ein Fenster vergrößern will, wie man am besten mit Akkuschrauber und Schlagbohrer umgeht und so vieles mehr. Ob ihr es glaubt oder nicht: Eine der Haupttätigkeiten ist tatsächlich putzen! Denn wo Lebensmittel produziert werden, müssen auch Hygienevorschriften erfüllt werden.
Des Weiteren hat der Hof einen Bioladen, in dem einiges an Arbeit entsteht und das Betreuen von Praktikanten fällt auch mit unter die Aufgaben eines FÖJlers.
Besonders erwähnenswert ist das wahnsinnig gute, abwechslungsreiche Essen, das für die ganze Mannschaft gekocht wird, zum Teil aus eigener Herstellung (Tomaten wachsen nun mal nicht im Winter und Bananen kann man auch nicht im Gewächshaus anbauen).
Der Tag klingt meist mit füttern oder melken aus. Von mir ist nicht erwartet worden, dass ich länger arbeite, doch durch die familiäre Gemeinschaft auf dem Hof kam es auch ab und an vor. Wenn die Kuh der Meinung war, dass sie um 22 Uhr unbedingt noch ein Kälbchen zur Welt bringen muss und dabei Hilfe braucht, ist dies auch ein ganz besonderes Erlebnis. Und wenn die Hühner im Sommer erst bei Dämmerung in den Stall gehen, kann man vorher die Tür nicht verschließen. Ich habe den Tieren übrigens versucht beizubringen, was Sonn- und Feiertage sind. Wirklich verstanden haben sie es aber nicht, also wurde auch mal am Wochenende gearbeitet.



Seminare

Ein weiterer Bestandteil des FÖJs sind die Seminare. Man hat davon 5 Stück je 5 Tage. Diese Seminare finden immer an einem anderen Ort in Hessen statt (z.B. Wetzlar, am Edersee, Frankfurt oder Oberursel). Die An- und Abreise bekommt man erstattet. In den Seminaren werden Themen wie Umweltpädagogik, Landwirtschaft und Ernährung oder Energie und Umwelt behandelt. Die FÖJler tragen sich außerdem in Arbeitsgruppen ein, in denen sie so ein Seminar mit vorbereiten und gestalten. So habe ich mit meiner Gruppe Themen wie Fair Trade, Verbraucherschutz oder Ist Bio wirklich Bio behandelt, Referenten zum Thema Gentechnik eingeladen, Dokumentationen gesucht und einen Termin zur Besichtigung eines Bauernhofes vereinbart. Von unserer Seminarleiterin gab es natürlich tatkräftige Unterstützung. So ein Seminar zu planen und zu organisieren ist sehr spannend. Vor allem da die Gruppe die Themen, für die sie sich interessieren, am Anfang selbst bestimmen konnte.
Außerdem musste man ein selbstständig organisiertes Projekt nachweisen. Es gab FÖJler, die haben eine Ausstellung konzipiert, einen neuen Wanderpfad für Schulgruppen organisiert, ich habe eine Kuhdatei angefertigt, damit meine Nachfolger schneller die Namen der Kühe lernen können.



Fazit

Ein FÖJ ist ein sehr spannendes Jahr, das bei der Entscheidung der Berufswahl helfen kann, Einblick in eine andere Branche gibt, die persönliche Entwicklung fördert und die Möglichkeit bietet ganz viele fantastische Menschen kennen zu lernen. Ich fahre immer mal wieder auf meine alte Einsatzstelle zu Besuch und damit bin ich nicht die einzige FÖJlerin. 









Kommentare:

  1. hallo, shay! ja, es wäre mir eine große ehre, wenn ihr mich auf eure 'sehenswert'-seite hinzufügen würdet, vielen lieben dank dafür ♥ es ist echt toll, dass man bei diesem post hier mehr über das FÖJ erfährt, denn wie ich finde heißt es viel zu oft als einziger weg nach dem abi ''studium studium studium'', eine alternative gibt es nicht und soll es nicht geben. (bullshit, aber psssht) - deswegen echt guter, informativer beitrag! :)

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    1. Hallo Valhalla!
      Das freut mich, dass der Beitrag dir gefällt. Stehst du auch bald vor einer solchen Entscheidung?

      Viele liebe Grüße
      Shay

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  2. Bin jetzt erst über diesen tollen Artikel gestolpert, dabei wusste ich ja, dass du einen geplant hattest.
    "Freiwilliges ökologisches Jahr" habe ich schon so oft gehört aber gewusst was im Detail dahinter steckt nicht. Dass man während des FÖJs auch Seminare mitmacht, finde ich interessant, habe ich auch nicht gewusst.

    Ganz besonders authentisch und vielsagend finde ich vor allem das Bild von deinen Arbeitshandschuhen!

    Sehr treffend ist auch deine Aussage zu "Bio-Building", das stimmt nämlich! Und es ist der Sport der mir noch am meisten Spaß macht. Abgesehen vom Reiten ;)

    Noch eine Frage zum Abschluss:
    Was ist "Laufhof schieben"?

    Liebe Grüße!
    Nina

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    1. Danke Nina!
      Ja die Handschuhe hätte ich mir einrahmen lassen sollen :-D
      Zu deiner Frage: Die Kühe haben am Stall sowas wie einen Paddock, da der Fladen der Kühe eher flüssiger Konsistenz ist, äppelt man den nicht ab, sondern schiebt alles mit einem Schild zusammen. Das wird dann auf die Mistplatte geschoben zur Düngung.

      Liebe Grüße
      Shay

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